Warum Schüler keine Klassenregeln aufstellen sollten

 

Erste Stunde des neuen Schuljahres, die Klasse und der neue Klassenlehrer lernen sich kennen und stellen gemeinsame Klassenregeln auf.

Eigentlich eine schöne Idee. Regeln, die sich die Schüler selbst geben, werden vermutlich häufiger akzeptiert. Die Schüler beteiligen sich und regeln ihr Zusammenleben und Zusammenlernen selbst.

Aber was passiert wirklich?

Die Schüler wissen, dass die Regeln nicht völlig frei von ihnen bestimmt werden können. Ihre Vorschläge sind meistens das, von dem sie meinen, dass der Lehrer es von ihnen erwartet. “Wir melden uns”, “Wir lassen uns ausreden” …

Identifizieren sich die Schüler nun stärker mit Regeln, die sie quasi in vorauseilendem Gehorsam formuliert haben? Oder gehört das zu dem typischen Lehrer-Schüler-Spielchen “Ich rate, was du von mir hören willst”?

Und wie gehe ich als Lehrer damit um, wenn Regeln vorgeschlagen werden, die eigentlich nicht gehen: “Wir dürfen im Unterricht mit dem Smartphone jederzeit Bilder machen.” Sind die Regeln des Zusammenlebens so beliebig, dass ich sie jährlich zur Diskussion stellen will?

Moderiere ich meine Schüler, im Vertrauen auf eine vernünftige Mehrheit, sanft davon weg? Merken sie dabei nicht, wie ich sie manipuliere?

Ganz sicher merken die Schüler spätestens nach dem dritten oder vierten Mal, dass dieses Regelritual am Anfang des Schuljahres eigentlich keine wirkliche Mitbestimmung von ihnen zulässt. Den Wortlaut der Regel dürfen sie vielleicht wählen, der Inhalt steht fest, auch wenn das nicht offen kommuniziert wird. Mit einer demokratischen Schulkultur hat das aber dann aber wenig zu tun.

Die Kreativität der Schüler drückt sich dann gern in einer Vielzahl eigentlich synonymer Regeln aus. Einmal habe ich in einem Zimmer die drei folgenden Regeln nebeneinander gesehen: “Wir sind fair zueinander”. “Wir ärgern uns nicht.” “Wir wollen kein Mobbing”.

Ich habe auch schon Klassenzimmer mit Regelkatalogen gesehen, die auf ein großes gesetzgeberisches Talent schließen lassen. Wollen wir aber wirklich ein Regelwerk, dass unseren Schülern für jede Einzelsituation eine exakte Anweisung formuliert?

Was dann?

Was wollen wir denn mit den Regeln erreichen? Dass die Schüler ordentlich miteinander (und mit anderen) umgehen und vernünftig arbeiten können. Mehr nicht, oder?

Wenn wir so wenig wollen, dann brauchen wir auch nur wenige Regeln. Und da es sich um Regeln handelt, deren Akzeptanz ich einfach voraussetzen muss (weil sie so grundlegend sind), diskutiere ich sie nicht, sondern stelle sie vor.

“Behandle Mitschüler, Lehrer, Mitarbeiter, den Raum und das Material mit Respekt.”

“Sei zu Unterrichtsbeginn vorbereitet.”

“Höre gut zu und folge den Anweisungen.”

“Melde dich, bevor Du sprichst oder Deinen Platz verlässt.” (in vielen Stunden sind die Schüler auch im Klassenzimmer unterwegs, da müssen sie sich natürlich nicht immer melden 😉 )

20160831_110711

Diese Regeln bilden die nicht verhandelbaren Grenzen im Klassenzimmer, mit dem Ziel, ein Atmosphäre zu schaffen, in der gut und gerne gearbeitet werden kann.

Mit diesen vier Regeln sollten eigentlich alle denkbaren Situationen abgedeckt sein. Ein anderer Lehrer würde eventuell andere Regeln formulieren. Es geht aber nicht um den Wortlaut der einzelnen Regeln, sondern um das Prinzip dahinter:

  • Das Beschränken auf wenige Regeln sorgt für Klarheit
  • Die Vorgabe von Regeln, die auf das Verhalten gerichtet sind, kann vom Lehrer kommen
  • Selbstverständliche Regeln müssen nicht verhandelt werden, es reicht sie zu erklären

 

 

 

Advertisements

5 thoughts on “Warum Schüler keine Klassenregeln aufstellen sollten

  1. Bin eigentlich ein großer Fan davon, Schüler mitentscheiden zu lassen, aber die Regeln habe ich auch dieses Jahr vorgegeben. Allerdings habe ich mit den Kids genau gesprochen, welche Regeln sie für selbstverständlich halten und welche schwerer einzuhalten sind. Außerdem haben sie in Gruppen Standbilder zu den einzelnen Regeln gebaut- Fotos davon kleben nun neben den Regeln. Ich bilde mir ein, dass so eine etwas tiefere Auseinandersetzung damit stattfand, aber wielleicht ist es auch nur nebensächliches Rumgespiele.

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s