Die 40/40/40 Regel

(Spoiler-Alert: In diesem Text kommt das Wort “Relevant” viel zu häufig vor. Wer will, kann ein Trinkspiel draus machen)

„Wozu brauch ich das mal im Leben?“

„Wieso muss ich etwas lernen, wenn ich später eh nichts damit arbeiten will?“

Standardfragen von Schülern. Je nach Fach wird ein Lehrer diese Fragen öfters oder seltener hören, gestellt werden sie vermutlich überall.

Standartantwort von Lehrern, denen keine direkte praktische Bedeutung des aktuellen Unterrichtsthemas einfällt: Schult den Geist, gehört zur Allgemeinbildung, Denken lernen. Oder ganz hart aber ehrlich: Weil es geprüft wird, weil es im Bildungsplan steht.

Das ist alles natürlich nicht falsch. Es ist richtig, in Mathematik zu lernen, wie logisches Denken in Zusammenhängen dabei helfen kann, auch komplexere Probleme beherrschbar zu machen. Selbstverständlich ist es richtig, eine gewisse Allgemeinbildung anzulegen, zu der eben auch Kenntnisse der europäischen (und zunehmend auch außereuropäischen) Kultur/en gehören. Über die Relevanz meiner beiden Unterrichtsfächer Mathematik und Geographie schreibe ich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt. Nur kurz ein Zitat von Dan Meyer zum Dasein als Mathematiklehrer: “I sell a product to a market that doesn’t want it, but is forced by law to buy it.

Meinen Schülern prüfungsrelevante Inhalte vorzuenthalten, weil ich sie persönlich als nicht lebensrelevant einstufe, wäre nicht nur unfair und unethisch, es wäre auch fast schon ein dienstliches Vergehen. Auch Prüfungsrelevanz ist Relevanz (aber im Idealfall nicht die einzige)

Es geht also um Relevanz. Eine schöne Art, über Relevanz nachzudenken, ist die 40/40/40 Regel. (die ich hier zum ersten Mal gefunden habe)

Für neues Wissen und Können stellt die 40/40/40-Regel drei Fragen:

  • Wie ist das für mich in den nächsten 40 Tagen bedeutsam?
  • Wie ist das für mich in den nächsten 40 Monaten bedeutsam?
  • Wie ist das für mich in den nächsten 40 Jahren bedeutsam?

In den Fragen nach der Bedeutsamkeit ist keinerlei Wertung oder Abstufung vorhanden. Eine Bedeutsamkeit für die nächsten 40 Tage kann genauso wichtig sein, wie eine Bedeutsamkeit für die nächsten 40 Jahre, schließlich ist Kindheit nicht ausschließlich die Vorbereitung auf das Erwachsensein.

Dazu ein bisschen Schwarz-Weiß-Denken:

Schülerin A lernt etwas, weil sie darüber in den nächsten 40 Tagen eine Klassenarbeit schreiben wird. Das Thema ist Grundlage für weitere Themen, die sie lernen wird und in den nächsten 40 Monaten für ihre Abschlussprüfung braucht. Diese Abschlussprüfung ermöglicht ihr den Zugang zu weiteren Ausbildungsschritten, die ihren Berufsweg in den nächsten 40 Jahren prägen werden.

Schülerin B lernt etwas, das sie in den nächsten 40 Tagen in einem interessanten Projekt einsetzen kann. Dieses Grundwissen hilft ihr, in den nächsten 40 Monaten weitere Kenntnisse zu erlangen, mit denen sie ein größeres Verständnis ihrer Lebenswelt erwirbt. In ihrem späteren Lebensweg spielen diese einzelnen Kenntnisse keine übergroße Rolle mehr, die Summe aus vielen Projekten und Lernvorhaben haben sie aber in die Lage versetzt, immer wieder flexibel und fundiert sich neues Wissen aneignen zu können.

Alle drei zeitlichen Horizonte bieten also die Möglichkeit, neuem Wissen und Können Sinn zu stiften, ob rein zweckorientiert oder interessenorientiert.

Und jetzt mal ganz praktisch, wie geht das?

 

Projektarbeit

Projekte mit Ernstcharakter bieten die Chance, etwas wirklich relevantes zu tun oder herzustellen. Das klingt alles immer gut, aber so einfach ist es nicht. Ganz knapp kann man sagen: “Man lernt, was man tut.” Ein Schüler, der einen Tag lang eine dreidimensionale Karte von Baden-Württemberg aus Styropor und Pappmaché bastelt, der hat am Ende eben etwas über das Modellieren mit Styropor und Pappmaché gelernt. Ob dabei auch inhaltlich etwas tiefer verstanden wurde, ist erstmal unklar.

Es geht also nicht um Projektaktionismus, sondern darum, das Lernen in konkretes Tun einzubinden. Das Erstellen, Auswerten und Präsentieren einer Umfrage zu einem spannenden Thema wäre so eine Möglichkeit. Dabei werden dann natürlich keine Wagenladungen von Material aus dem Baumarkt geschleppt und keine Massen von bunten Blättern laminiert – das Produkt ist am Ende dennoch herzeigbar und relevant.

 

Problemlösen / “Real-World-Problems”

Hier muss mal wieder der gute Dan Meyer herhalten. Textaufgaben in Mathebüchern funktionieren oft so: auf der Einführungsseite links oben wird ein neues Thema erklärt, z.B. das Zinseszinsrechnen bzw. exponentielles Wachstum. Darunter finden wir zwei Beispielaufgaben. Auf der rechten Seite dann Aufgabe 1 bis 8 (jeweils mit a bis h) Übungen zum “Einschleifen”. Einmal Umblättern und die Textaufgaben warten auf uns. 3 Aufgaben, die mit exakt der Formel lösbar sind, die auf der Doppelseite vorher durchgekaut wurde. Danach 2 Aufgaben, in denen eine Umformung nötig wird. Mit Glück und in neueren Büchern folgen ein paar Transferaufgaben oder eine offene Aufgabe. Alle Aufgaben haben exakt so viele Angaben, wie zur Lösung der Aufgabe bzw. zum Einsetzen in die Formel benötigt werden.

Das hat natürlich alles seine Berechtigung. Ein neues Thema intensiv einzuüben und in Sachsituationen darzustellen, ist natürlich nicht völlig verkehrt.

Aber wann im Leben kommt es vor, dass wir vor einem Problem stehen, zu dem wir nur die passende Formel und auch exakt alle benötigten Angaben kennen?

Es gibt dabei zwei Auswege: benötigte Informationen weglassen oder zu viele Informationen liefern. In beiden Fällen müssen Schüler zuallererst rausfinden, welche Angaben sie brauchen, um das Problem zu bearbeiten.

 

Wahlaufgaben

Auswahl allein ist noch nicht sinnstiftend. Die Wahl zwischen Aufgaben zu haben, die sich thematisch aber auch methodisch unterscheiden, stärkt aber deutlich die Identifikation der Schüler mit ihrer Bearbeitung der Aufgabe.

Im kleinen kann das damit beginnen (sorry, wieder ein Mathebeispiel), dass Schüler bei Übungsaufgaben des Typus “S.143, Nr 2 a-h und 5 a-g” sich eine vorgegebene Anzahl von Teilaufgaben selbstbestimmt aussuchen können. Natürlich ist es für Schüler einfacher, die vom Lehrer vorgegebenen Aufgaben zu erledigen. Das Auswählen aber vertieft die Auseinandersetzung mit dem eigenen Können und dem geforderten Können. Allein diese Auseinandersetzung macht Aufgaben für Schüler relevanter.

Wenn Schüler sogar Thema, Methode und Sozialform wählen können, wird eine Aufgabe schnell zu einer sehr persönlichen Aufgabe und rückt damit näher an den Schüler heran. Einer stellt die Anpassung von Tieren an das Klima der Wüste im Bild dar, zwei basteln ein einfaches Modell einer Oase, eine erklärt mithilfe von Tuareg-Kleidung aus dem Urlaub, wie Menschen in der Wüste überleben, eine kleine Gruppe analysiert mit Atlaskarten und Diagrammen den Ölreichtum der Golfstaaten.

 

Umgang mit Medien

Hier möchte ich nicht viel schreiben, nur eine Frage stellen: Wie relevant ist Schule, wenn sie Medien und Kommunikationsformen aussperrt, die im Alltag der Schüler, der Eltern, der Lehrer, der meisten Menschen, längst angekommen sind?

Ich glaube, viel gewonnen ist bereits, wenn wir uns regelmäßig Fragen der 40/40/40-Regel stellen und versuchen die Schülerfrage: “Wozu brauche ich das?” ernst zu nehmen.

tl;dr: Unterricht muss relevant sein. Relevanz muss bezüglich nächster 40 Tage, Monate und Jahre hinterfragt werden.

 

 

 

 

 

 

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